Jeder mit jedem

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Foto: Pitopia

Nach dem „flotten Dreier“ und dem „Quartett im Bett“ ist die Orgie die nächste Stufe in der Nomenklatur des sexuellen Miteinanders. Ab fünf Personen also geht die Orgie los, bei mehr als zehn, zwölf wird’s unübersichtlich. Ob die Anzahl der Teilnehmer gerade oder ungerade ist, spielt keine Rolle. Es gilt das Prinzip des „jeder mit jedem und alle miteinander“, in stets wechselnder Konstellation, ganz dem Lustprinzip gehorchend. Offenheit und Toleranz, Neugier und viel Spontaneität sollte man unbedingt mitbringen, um eine Orgie zu genießen – und auf Überraschungen gefasst sein.

Was bei einer Orgie nichts verloren hat, ist Eifersucht. Hinterher jammern, dass der Partner auch mit anderen Spaß hatte, gilt nicht – das ist ja gerade der Sinn der Sache. Wenngleich Voyeure unerwünscht sind, spielt sich das Geschehen doch vor aller Augen ab. Über eine gewisse Portion Exhibitionismus also sollte schon verfügen, wer an einer Orgie teilnimmt.

Die Begrifflichkeit ist nicht immer klar: Einfach nur die Partner zu tauschen, wie in vielen Swingerclubs üblich, macht noch keine Orgie aus, genauso wenig wie ein Gangbang, bei dem etliche Männer vor einer Frau Schlange stehen und nach und nach zum Zuge kommen. Gruppensex am Baggersee oder auf Autobahnrastplätzen kann zwar durchaus einen orgiastischen Charakter besitzen, ist aber nicht das, was ich unter einer Orgie verstehe.

Eine Orgie ist fantasievoll und ausschweifend, auch überbordend schwelgerisch, sinnenfroh und raffiniert, vielleicht gar dekadent. Sie findet im Geheimen statt, dem Ideal der gesellschaftlich favorisierten trauten Zweisamkeit läuft sie diametral zuwider. Um Zutritt zu erhalten, muss man sich kümmern, sich in abgeschottete Kreise hinein begeben, Initiationen überstehen. Orgien sind Luxus, sie finden kaum je spontan statt und benötigen, sollen sie stilvoll ablaufen, einen besonderen Rahmen. Das macht sie exklusiv. Sie sind nichts für jeden, nur für Eingeweihte.

Auch die Mysterienkulte der Antike waren Orgien, ob tatsächlich auch im sexuellen Sinn, ist unklar. Am berühmtesten war der Kult des Dionysos, des griechischen Gottes der Ekstase und des Rausches. Die dort geübten geheimen Riten wurden Orgien genannt, daher kommt überhaupt das Wort. Erst sehr viel später, im 18. Jahrhundert, erhielt es eine sexuelle Konnotation, während heute so gut wie alles, was in seiner Intensität ein gewöhnliches Maß übersteigt, als Orgie bezeichnet wird, von der „Fressorgie“ bis zur „Orgie der Gewalt“.

Ich halte mich lieber an den Sex. Ob ich auch mal an einer Orgie teilgenommen habe? Ja, das möchten Sie wohl gerne wissen…

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