Jeden Tag Weltmeister!

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Während der Fußball-Weltmeisterschaft, fünf Wochen lang, war meine Freundin S. in keiner Weise ansprechbar. Sie hatte sich extra Urlaub genommen, um diese Zeit gut durchzustehen. Ihr Auto hatte sie mit Außenspiegelkondomen in schwarz-rot-gold versehen, auf dem Dach flatterten zwei ebensolche Wimpel, ihr Bettbezug war eine Deutschlandfahne. Sie hatte sich zwei Nationalflaggen als Permanent-Makeup auf die Wangen gemalt, auch die Fingernägel glänzten in den drei Landesfarben. Auf der Berliner Fanmeile war sie Dauergast, tagsüber schlief sie und träumte von wunderbaren, tollen Toren. Sie verpasste kein einziges Spiel und war mit einer fröhlichen und ansteckenden Leidenschaft bei der Sache.

Als die deutschen Spieler zwei Tage nach dem gewonnenen Endspiel in Berlin einflogen, hatte S. bereits seit vier Uhr morgens am Eingang zur Fanmeile gewartet, um einen Platz ganz vorne zu ergattern. Es war ihr gelungen. Nachdem die Party vorbei war, schaute sie sich die Aufzeichnung noch einmal in voller Länge im Fernsehen an. Sie konnte einfach nicht genug kriegen. Sie war stolz und glücklich, als sie sich selbst frenetisch jubelnd in der ersten Reihe sah, drei oder vier Sekunden lang. Dies war ihr persönlicher Moment der Unsterblichkeit.

Um das Glück vollkommen zu machen, hatte sie beim Public Viewing auch einen Mann kennengelernt, von dem sie mir in der Nacht von Montag auf Dienstag begeistert erzählte, während die deutsche Mannschaft im „Fanhansa Siegflieger“ von Rio nach Berlin saß. Zu einer halbwegs klaren und vernünftigen Äußerung war S. allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr fähig. Offenbar war sie während der WM schlichtweg gaga geworden. Vielleicht sollte ich sie einfach im ungefilterten Originalton erzählen lassen.

Es war einfach gigantisch“, redete sie atemlos und ohne Punkt und Komma auf mich ein, „eine echte Mannschaftsleistung.“ Ihre Augen strahlten. „Allein hätte das keiner hinbekommen, nie im Leben. Toll war vor allem, dass wir nie aufgegeben haben, obwohl wir lange nicht zum Abschluss gekommen sind. Immer wieder haben wir es versucht, neuen Anlauf genommen und mit der ausgefeilten Technik, die wir dank unserer Erfahrung draufhaben, darauf hingearbeitet, dass es endlich klappt. Natürlich, ein bisschen Fantasie war auch dabei, manchmal führen auch Nebenwege zum Ziel. Keiner war egoistisch, jeder suchte nach der besten Möglichkeit, den anderen anzuspielen, worauf der dann auch sofort reagierte. Ein Doppelpass nach dem anderen, klasse! So was habe ich lange nicht erlebt, nicht in diesem Ausmaß jedenfalls. Es war das beste Spiel seit Jahren. Als endlich das entscheidende Tor fiel, habe ich doch glatt einen Weinkrampf bekommen vor lauter Glück.“

Ich sagte S., dass dies nicht ungewöhnlich sei nach einem intensiven Orgasmus, viele Frauen lachen oder weinen da, um die extreme Anspannung abzubauen. Die meisten Männer hingegen verfallen ansatzlos in Tiefschlaf, nachdem sie gekommen sind. Auch bei ihrem neuen Freund war dies der Fall. Was aber nicht weiter schlimm ist: Ein neues Spiel, ein neues Glück. Die beiden werden, seit sie sich kennen, jeden Tag Weltmeister, immer wieder. So, wie S. es mir schildert, dürften sie als Team auf Jahre hinaus unschlagbar sein.

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