Hoch auf dem bunten Wagen

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Es ist wieder Sommer, es ist die Zeit des CSD, des Christopher Street Day. In fast jeder größeren deutschen Stadt finden die bunten Paraden statt, die an Karneval erinnern, doch einen explizit politischen Ursprung besitzen – nur wissen das die Wenigsten.

Im Juni 1969 waren die Gäste der New Yorker Bar „The Stonewall Inn“ in der Christopher Street – es waren vorwiegend Homosexuelle und Angehörige anderer sexueller Minderheiten – die ständigen Razzien, Verhaftungen und Drangsalierungen durch die Polizei leid und entfesselten einen Aufstand, der die Stadt fünf Tage und Nächte in Atem hielt und als „Stonewall Riots“ in die Geschichte einging, „Arte“ zeigte vor einigen Tagen eine hochinteressante Dokumentation darüber („Fünf Tage in New York“). Es gab heftige Straßenschlachten, an die sich die Veteranen heute noch mit Stolz erinnern. Zu Recht, denn diese Auseinandersetzungen erst führten dazu, dass sich Schwule und Lesben offen zu ihrer sexuellen Orientierung bekannten, dass der Umgang mit ihnen unverkrampfter wurde, und dass sie nach und nach in der westlichen Welt jene Rechte erhielten, die wir heute als selbstverständlich ansehen. In angelsächsischen Ländern heißt der CSD folgerichtig denn auch „Gay Pride“.

Nur – was ist aus diesem emanzipatorischen Ansatz geworden? Eine Spaß- und Werbeveranstaltung für alles und jeden, möchte man meinen. Der Protest gegen Diskriminierung und Unterdrückung ist längst vom Mainstream eingemeindet und zu einer allseitigen Friede-Freude-Eierkuchen-Party geworden. Die will ich auch gar nicht madig machen, ich war selbst auf dem Berliner CSD und habe mitgefeiert. Doch wenn die Lufthansa CSD-Sondertarife anbietet, Daimler-Benz, O2 und die örtliche Sparkasse als Sponsoren auftreten, der US-Botschafter ein Grußwort beisteuert und im Deutschen Theater Berlin eine feierliche „Stonewall-Gala“ stattfindet – gegen welchen Stachel wird hier noch gelöckt? Überall im Land nehmen auch ausgesprochen konservative Politiker an den Paraden teil, treten sogar als Schirmherren auf. Irgendwie ist das für mich verkehrte Welt.

Wenn doch tatsächlich jene allseitige Toleranz herrschte, die hier so leutselig demonstriert wird! Doch soweit sind wir offenbar noch lange nicht. Als jüngst in Konstanz am Bodensee ein Ausflugsdampfer ablegte, auf dem die Lack-und-Leder-Fraktion eine Nacht lang feierte (sie tut dies schon seit siebzehn Jahren unbehelligt), nahmen dies Hunderte Schaulustige zum wohlfeilen Anlass, endlich einmal aus der Nähe Dominas und Sklaven in ihrem Fetisch-Outfit belustigt anzustarren und fürs Familienalbum zu fotografieren. Der Konstanzer Oberbürgermeister beeilte sich festzustellen, dass die Schiffe der Bodensee-Flotte doch bitte nicht für „Sex-Veranstaltungen“ zur Verfügung stehen sollten, woraufhin die Geschäftsführerin der Gesellschaft ankündigte, dass ab Mitte Juli aufgrund überarbeiteter Richtlinien alle Neuverträge für Charterfahrten genau geprüft würden. Man darf gespannt sein, ob – wie geplant – im August das Swingerschiff ablegen darf.

In Berlin gibt es übrigens längst eine Alternativveranstaltung zum offiziellen CSD, weil dieser vielen einfach zu kommerzialisiert und zu unpolitisch geworden ist: den „Transgenialen CSD“, der seit 1997 in Kreuzberg abgehalten wird. Dort dürfen keine Politiker reden, und es gibt keine Paradewagen von Parteien oder Firmen. Für viele aus der Szene, um die es doch eigentlich geht, ist dies „der bessere CSD“. Anders ist er auf jeden Fall. Deshalb trifft man mich auch hier wie dort.


 

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