Die Sau raus

Charakterschwein

Foto: Pitopia

Es ist ein guter alter Brauch unter europäischem Jungvolk, sich am Abend, bevor man heiratet, noch einmal richtig auszutoben. Dies gilt für Männer wie für Frauen. Früher hieß das Polterabend, heute sagt man eher Junggesell(inn)enabschied dazu. Dabei treffen sich Braut bzw. Bräutigam mit ihren Freunden und Bekannten gleichen Geschlechts, um ein letztes Mal, bevor man in den Hafen der Ehe einläuft, kräftig zu feiern – was lediglich ein Euphemismus für ein ungeheures Besäufnis ist, denn darauf läuft es in der Regel hinaus. Man lässt, sozusagen, noch einmal kräftig „die Sau raus“. Und zerdeppert jede Menge Geschirr, das ist Tradition.

Unter englischen Männern, die bei diesen Feiern besonders exzessiv sein sollen, war lange Jahre Prag ein bevorzugtes Ziel, jetzt sind es eher die baltischen Staaten – weil dort das Bier billiger ist. Was Rückschlüsse zulässt auf die Mengen, die zu diesem Anlass konsumiert werden.

Gelegentlich lassen sich Junggesellinnengruppen von mir beibringen, wie man sich elegant und sicher auf High Heels bewegt, das gehört dann zum Programm des letzten schicksalhaften Tages, den die Braut in Freiheit verbringt. Meist sind die Damen etwas angeschickert, aber das macht nichts. Solche Workshops machen auch mir immer viel Spaß, denn mit einem gewissen Alkoholpegel auf High Heels zu laufen ist gar nicht so einfach (ich selbst bin bei diesen Events natürlich stocknüchtern).

Worauf ich hinauswill, ist etwas ganz anderes. Ich finde nämlich die Vorstellung, dass mit der Ehe jeder Spaß aufhört, einigermaßen befremdlich. Ich weiß das, ich war selbst schon einmal verheiratet (auch wenn’s schon lange her ist). Warum sollte man, auch wenn man fest gebunden ist, keine wilden Sachen mehr machen dürfen? Ist Sex dann nur zum Kinderkriegen da? So war’s vielleicht früher mal – doch heute?

Ich will hier keine Lanze für die Ehe brechen, ich bin froh, dass ich unabhängig bin. Doch ist es nicht vielmehr so, dass, wenn man sich in einer festen Beziehung befindet (die nicht unbedingt eine Ehe sein muss), sich ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis herausbildet, das manche Dinge – auch und gerade sexueller Natur – überhaupt erst möglich macht?

Gleichwohl: Den Spaß am Junggesell(inn)enabschied will ich keinem nehmen. Ich meine nur: Das Ende kann zugleich ein toller Anfang sein.

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