Schwangere Jungfrauen

Heiligenkitsch

Foto: Pitopia

Sinnigerweise kurz vor Weihnachten wurde – im renommierten „British Medical Journal“ – eine Studie veröffentlicht, nach der in den USA jedes 200. Kind von einer Jungfrau geboren wird. Da reibt man sich die Augen. Sehr bald kam denn auch heraus, dass die meisten der 45 „schwangeren Jungfrauen“ aus Familien stammten, in denen es aus religiösen Gründen verboten ist, das Wort Sex auch nur in den Mund zu nehmen. Die also gelogen hatten. Oder schlicht die Frage und den Begriff „Sexualverkehr“ nicht verstanden hatten. Ja, Studien, die allein auf Befragungen basieren, haben ihre Tücken.

Anderswo in der Tier- und Pflanzenwelt ist ungeschlechtliche Fortpflanzung jedoch gang und gäbe. Blattläuse, manche Fisch- und Echsenarten, Schnecken, Milben und Skorpione, auch Krebse und die Blumentopfschlange (die bei mir keinen selbigen gewinnen kann, Schlangen sind so gar nicht mein Ding), all diese Tiere brauchen keinen Sex, um sich fortzupflanzen. Sie bevorzugen Jungfernzeugung, also Parthenogenese. Dabei entstehen genetisch identische Nachkommen, Klone mithin.

Sex, also die geschlechtliche Fortpflanzung, wie wir sie kennen, gibt es ja überhaupt erst seit 700 bis 800 Millionen Jahren. Nur dadurch wurde die enorme Vielfalt der Lebewesen auf der Erde möglich.

Viele Religionen und Mythen, vom Alten Orient über Ägypten bis zur griechisch-römischen Antike, nähren die Vorstellung, dass besonders herausgehobene Menschen vorzugsweise durch Zutun von Göttern gezeugt und von Jungfrauen geboren wurden. Herrscher waren Gottessöhne, Alexander der Große zum Beispiel und alle Pharaonen. Auch Jesus. Im Christentum ist die Jungfrauengeburt ein unumstößliches Dogma. Wer es leugnete, galt bis vor wenigen hundert Jahren als Ketzer und musste mit entsprechenden Konsequenzen rechnen.

Dann gibt es noch die Variante, wie sie jüngst einer salvadorianischen Nonne in Süditalien passierte. Die ging mit Bauchkrämpfen in die Klinik und kam mit einem neugeborenen Sohn wieder heraus. Angeblich war ihr nicht klar gewesen, dass sie schwanger war. So was liest man öfter und ist wohl eher auf mangelnde Aufklärung zurückzuführen. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, kann man da nur sagen. Sechs in Sachen Sex, setzen!

Mir war schon ziemlich früh klar, dass es bei uns nicht wie bei den Bienen und den Blüten funktioniert. Mein Biologielehrer wollte uns das weismachen, im „Aufklärungsunterricht“. Auch die frommen Mythen und Legenden haben mich zu keiner Zeit begeistert, ich bin da eher nüchtern. Mir hat noch nie ein Gott beigewohnt (obgleich sich manche meiner Männer, die aus der Macho-Ecke, durchaus in dieser Rolle gefielen).

Ich bin froh, dass wir die Parthenogenese hinter uns gelassen haben. Mehr noch: Es ist eine der großen Errungenschaften der Natur, dass wir Sex genießen können, auch wenn wir uns nicht fortpflanzen wollen. Dies ist ein emanzipatorisches Moment, das uns von den meisten Tieren unterscheidet (nur die Bonobos können da noch mithalten, sie paaren sich nahezu unentwegt). „Wie die Tiere“, heißt es oft, wenn lustvoller Sex diskreditiert werden soll. Nein, im Gegenteil: „Wie die Menschen“ sollte es heißen. Und rundum positiv gemeint sein.

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