Sex als Waffe

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In einer berühmten Komödie aus dem antiken Griechenland, „Lysistrata“ von Aristophanes, verweigern sich die Frauen der beiden verfeindeten Städte Athen und Sparta ihren Männern sexuell, um Frieden zu erzwingen. Nach einigen höchst amüsanten Wirrungen – nicht alle Frauen kommen mit der selbst verordneten Enthaltsamkeit zurecht, und die Männer sind aus verständlichen Gründen erbost – gelingt dies auch.

Die Geschichte könnte auch heute spielen. 2009 riefen Frauenverbände in Kenia mit dem Motto „Tausche Liebe für den Frieden“ zum Sexboykott auf, um die Gewalt, die mit Parlamentswahlen dort oft einher geht, zu verhindern. Den Prostituierten des Landes versprachen sie Entschädigung, um dieses naheliegende Schlupfloch für die Männer von vornherein zu schließen. Wie die Sache ausging, ist nicht bekannt.

In einem abgelegenen türkischen Dorf mit Namen Sirt mochten die Frauen nicht mehr die weiten Wege auf sich nehmen, um Wasser heranzuschaffen. Sie traten in den Sexstreik. Erst als die Männer eigenhändig Wasserrohre verlegt hatten, durften sie wieder an die Frauen ran. Ähnliches in Kolumbien: Dort war ein Dorf nur über eine Schlammpiste zu erreichen. Mit Liebesentzug erreichten die örtlichen Frauen, dass eine Straße gebaut wurde, für 30 Millionen Euro.

Doch auch im Alltag ist „Pussy Power“, so der geläufige Ausdruck für gezielte sexuelle Verweigerung, ein häufiges Phänomen. In Internet-Foren klagen vor allem Männer ihr Leid. Denn Sex als Waffe, oder vielmehr kein Sex als Waffe, wird vor allem von Frauen auf durchaus berechnende Weise eingesetzt. Ein Drittel von ihnen, so sagen Umfragen (die natürlich mit Vorsicht zu genießen sind), hat dieses Druckmittel schon einmal benutzt.

Im Gegensatz zu kollektiven Aktionen, wie ich sie oben beschrieben habe und die durchaus einen gewissen Charme besitzen (vor allem, wenn sie erfolgreich sind), finde ich ein solches Verhalten im privaten Bereich nachgerade dumm. Denn erstmal kann der Schuss nur allzu leicht nach hinten losgehen: Bleibt zuhaus die Küche kalt, dann geht man eben auswärts essen. Probleme, die in einer Beziehung ganz offensichtlich vorhanden sind (sonst käme keine Frau ja auf die Idee, sich zu verweigern), werden auf diese Weise eher noch verschärft. Zum zweiten ist Sexentzug eindeutig ein Machtinstrument: Ziel ist es, dass der andere zu Kreuze kriecht und um Sex bettelt. Er soll sich dieses Privileg erst verdienen.

In SM-Beziehungen mag das ja noch angehen, ansonsten nicht. Sex-Terrorismus (denn genau darum handelt es sich) ist ein Beziehungskiller. Sex als Belohnung oder kein Sex als Rache – die Vorstellung ist mir ziemlich fremd. Natürlich gibt es Situationen, in denen einer oder beide Partner keine Lust auf Sex haben. Das ist normal. Es gibt viele Wege, dieses Problem anzugehen – genauso viele, wie es Ursachen dafür gibt. Doch damit hat „Pussy Power“ nichts zu tun. Nicht zuletzt: Man schneidet sich damit ins eigene Fleisch. Finde ich zumindest. Als jemand, der Sex wirklich mag.

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