Rote Lippen…

lippen

Foto: Pitopia

…soll man küssen, sang einstmals Peter Kraus. Recht hat er, denn rotgeschminkte Lippen sind ein eindeutiges erotisches Signal. In Form und Farbe erinnern sie, durchaus beabsichtigt, an jene Lippen, die einen Meter weiter unten in der weiblichen Anatomie angesiedelt sind. Aufgrund ihrer hohen Nervendichte bilden sie eine erogene Zone, kaum ein Liebesspiel unter innig Vertrauten, das ohne Küssen auskommt.

Lippen sind ein Symbol für Sinnlichkeit. Das kann man deutlich übertreiben. Aufgespritzte Schlauchbootlippen, wie sie vor allem im osteuropäischen Raum beliebt sind (dort dienen sie sogar als Statussymbol, denn das Aufspritzen ist teuer), entsprechen ganz und gar nicht dem klassischen Schönheitsideal, werden aber dennoch von darauf fixierten Männern geschätzt (und das sind nicht wenige). Siegmund Freud hat dies schon vor über hundert Jahren in seiner Triebtheorie sehr präzise analysiert (Stichwort „orale Phase“, die das erste Lebenshalbjahr bestimmt). Auch gepiercte Lippen findet wohl nur eine Minderheit attraktiv. Ich gehöre nicht dazu.

Lippen sind für vieles gut: Zum Saugen und Blasen (nein, nicht das, was Sie denken, ich rede hier von Musikinstrumenten wie Trompete oder Flöte), zum Tasten und Pfeifen, zur Nahrungsaufnahme, zum Sprechen. Erst die Lippen ermöglichen die Bildung vieler Laute. Wer nicht hören kann, vermag von ihnen abzulesen, was ein anderer zu sagen hat. Zweifellos, die Lippen sind ein ausgesprochen vielseitiges Organ. Dass sie auch beim Sex eine ganz wichtige, kaum zu überschätzende Rolle spielen, versteht sich von selbst.

Ihre Form verrät einiges. Schmallippige Menschen gelten als streng, asketisch und missgelaunt. Man nähert sich ihnen mit Vorsicht. Der sinnenfeindliche Bußprediger Savonarola, der 1498 in Florenz erst gehängt und dann verbrannt wurde, entsprach schon äußerlich diesem Bild. Auch Inquisitoren wurden gern so dargestellt.

Das Gegenteil jedoch ist auch nicht schön. „Eine wulstig herunterhängende Unterlippe verrät eine schmierige Sinnlichkeit, die derart ausarten wird, dass es uns schwerfallen würde, die Ausmaße an Wollust und Gier zu beschreiben“, schreibt Ror Wolf in seinem höchst vergnüglichen Buch „Raoul Tranchirers Taschenkosmos“. Arme Habsburger, die eine überaus stark ausgeprägte Unterlippe über Jahrhunderte hinweg vererbten! Sie ist unverkennbar, auf jedem Porträt erkennt man den typischen Wulst.

Generell sind die Lippen rot, mehr oder weniger jedenfalls. Wer blaue Lippen hat, ist entweder krank, unterkühlt oder tot. Verantwortlich für die farbliche Veränderung ist eine Unterversorgung des Blutes mit Sauerstoff. Wer sich die Lippen rot schminkt, signalisiert damit: „Ich bin gesund“. Ein wichtiges Paarungskriterium für Männer, es ist tief in unseren Genen verankert. Schminkt man sich zu stark, geht der Schuss nach hinten los, dann sieht man aus wie ein Clown. Und Clowns sind nicht erotisch.

Die Lippen drücken auch Gefühle aus. Sind sie heruntergezogen, heißt das, dass wir traurig sind, hochgezogen signalisieren sie Freude. Wir können gar nichts machen gegen diese Körpersprache. Jeder versteht sie sofort. Die beliebten Smileys operieren nicht umsonst damit. Bei manchen Menschen haben sich schlechte Laune, Verbissenheit und Frust über Jahrzehnte hinweg so tief eingegraben, dass sie die Lippen überhaupt nicht mehr nach oben ziehen können.

Bei Tieren heißen die Lippen Lefzen. Zieht ein Hund seine Lefzen nach hinten, so dass die Zähne sichtbar werden, wäre ich vorsichtig. Zeigt der Mensch hingegen seine Zähne, ist das zunächst ein positives Signal, das aber ins Gegenteil umschlagen kann, wenn die Zähne allzu dominant werden. Man sieht, mit den Lippen lässt sich eine Vielzahl von Emotionen ausdrücken. Nicht immer können wir das wirklich kontrollieren. Was vielleicht ganz gut ist.

Rote Lippen…küssen…unbedingt! Doch vergessen Sie darüber nicht die anderen Lippen, die weiter unten. Auch sie lassen sich gerne küssen.

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