Denn zum Küssen sind sie da

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Wer? Die Lippen natürlich. Zwar ist dies auch der deutsche Titel eines amerikanischen Serienmörder-Thrillers von 1997 (der gar nicht mal schlecht ist), doch an den denkt niemand mehr. Küssen hingegen ist täglich von neuem eine Herausforderung. Frauen lieben es, Männer angeblich weniger (ist auch meine Erfahrung). Für den französischen Schriftsteller und Philosophen Alexandre Lacroix gibt es „kein besseres Barometer für den Zustand des Paares als den Kuss“ (schreibt er in seinem lesenswerten Buch „Kleiner Versuch über das Küssen“). Er kam darauf, weil sich seine Frau beschwerte, er küsse sie zu wenig.

Küssen ist eine Kunst. Jugendliche machen sich im Internet darüber schlau, welche Techniken empfehlenswert sind, doch dabei entgeht ihnen was. Zum ersten Mal zu küssen – am besten, wenn man verliebt ist – und nach und nach mit klopfendem Herzen herauszufinden, wie’s für beide am schönsten ist, gehört zu den beglückendsten Erfahrungen, die ein Mensch nur machen kann.

Die Routine kommt später, die Verfeinerung ebenfalls. Mit leidenschaftlichen Küssen kann ein Mann eine Frau durchaus gewinnen. Wer schlecht küsst, ist auch schlecht im Bett, heißt es. Da ist was dran (ebenfalls meine Erfahrung). Bis in die 1960er Jahre hinein war ein Kuss im Kino oft das Synonym für den Sex, der nach der Abblende kam (und den die Zuschauer sich vorstellen mussten, da er nicht explizit gezeigt werden durfte). Heute ist das anders, da ist der Kuss kein Vorspiel, sondern eine eher beiläufige Praktik unter vielen anderen. Da wird, auch im Kino, nicht nur auf den Mund geküsst.

Eine berühmte Aufnahme des Fotografen Robert Doisneau von 1950, auf dem sich ein Paar scheinbar spontan und leidenschaftlich küsst („Kuss vor dem Rathaus“), gilt als ikonographische Darstellung von Paris als „Stadt der Liebe“. Jahrzehnte später freilich kam heraus, dass die Szene gestellt war. Ich finde, das macht gar nichts, das Foto ist trotzdem toll und zeigt in seiner improvisierten Anmutung nur umso deutlicher die Meisterschaft des Fotografen.

Über den Kuss philosophierten schon die Römer, sie besaßen dafür drei verschiedene Wörter mit jeweils unterschiedlicher Bedeutung („basium“, „osculum“, „suavium“). Nicht immer besitzt der Kuss auch eine sexuelle Konnotation. In vielen Kulturen ist er ein Zeichen für Zuneigung und familiäre Verbundenheit, aber auch für Ehrerbietung. Kardinälen und dem Papst küsst man den Ring (so wie früher auch Königen), Mafiapaten ebenfalls, Frauen eher die Hand (aber nur angedeutet, sonst outet man sich als Trampel).

Dominas lassen sich gern die Füße, besser noch die Stiefel küssen. Papst Johannes Paul II. küsste jedes Mal den Boden, wenn er ein fremdes Land besuchte, im katholischen Gottesdienst küsst der Priester den Altar. Wer in Mafiafilmen (bekanntestes Beispiel: „Der Pate“) vom Don geküsst wird, wird nicht mehr lange leben. Auch der „Judaskuss“ hat nichts Positives, er ist das Zeichen für Verrat.

Mehrfache Wangenküsse sind bei Begrüßung und Abschied auch heute noch in Frankreich, Spanien und Italien (sowie in vielen anderen Ländern) üblich. Den romantischen Kuss beschrieb als erster Goethe in seinem „Werther“. Honecker und Breschnew küssten sich bei Staatsbesuchen auf den Mund, das wurde als „sozialistischer Bruderkuss“ bekannt und später verspottet. An der Berliner East Side Gallery (den Resten der ehemaligen Mauer) ist die Szene als poppiges Graffiti verewigt. Der „Schwesternkuss“ wiederum (gern mit Zunge) gilt als ostentatives Signal der Zugehörigkeit zur schwul-lesbischen Community.

Kein Kuss in unserem Sinne ist der bei den arktischen Inuit, in Sibirien und Innerasien sowie bei vielen Südseevölkern verbreitete „Riechkuss“, bei dem man die Nasen aneinander reibt und dabei tief einatmet, um den Geruch des anderen zu erkunden. Sehr schön dargestellt ist das in der „Meuterei auf der Bounty“ von 1962, wo Marlon Brando als Fletcher Christian der schönen Häuptlingstochter Maimiti die abendländische Form des Küssens nahezubringen versucht (was ihm natürlich recht schnell gelingt).

Doch wo sich Menschen sinnlich äußern, sind Verbote oft nicht weit. In China und Japan ist öffentliches Küssen verpönt, da es als Vorstufe des Sexualakts gilt, selbst Wangenküsse sind tabu. Wer in Indonesien öffentlich knutscht, riskiert eine Strafe von (umgerechnet) 20.000 Euro. In manchen Teilen Afrikas war der Kuss, wie wir ihn kennen, lange völlig unbekannt. Als Afrikaner erstmals sahen, wie sich weiße Paare küssten, reagierten sie mit Abscheu und Ekel. Noch Ende 2007 wurde in Südafrika unter 16jährigen das Küssen auch zu Hause per Gesetz verboten. Die Jugendlichen protestierten mit massenhaften Kiss-ins.

Die USA sind nicht viel besser, einzelne Bundesstaaten haben teils bizarre Gesetze (die sich aus der puritanischen Vergangenheit des Landes herleiten). Teilweise darf am Sonntag nicht geküsst werden, andernorts nicht im Zug, dann wieder ist Schnurrbartträgern das Küssen untersagt, und in Florida ist es verboten, die Brüste einer Frau zu küssen (selbst wenn man mit ihr verheiratet ist). Oder es gibt zeitliche Begrenzungen für einen Kuss. Ich stelle mir vor, wie ein Sheriff mit der Stoppuhr daneben steht und schon mal mit den Handschellen klappert. Im Guinness-Buch der Rekorde steht übrigens, dass der längste Kuss aller Zeiten sage und schreibe 33 Stunden (!) gedauert hat. Das will ich mir lieber nicht vorstellen, dafür mag ich Küssen viel zu sehr.

Als Weltmeister im Küssen gelten natürlich die Franzosen, rein statistisch küssen sie siebenmal am Tag. Wenn es ein Klischee ist, dann ist es ein schönes Klischee. Allerdings sind Gutenmorgen- und Gutenachtkuss (die ja nun gar nichts Erotisches besitzen) darin inbegriffen. Aber fünfmal am Tag ist immer noch sensationell im Vergleich zu anderen Ländern (China und Japan: einmal alle zwei Tage).

Woher das Küssen kommt, ist nicht ganz klar. Wissenschaftler (etwa der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt) vermuten, dass die noch heute bei Naturvölkern verbreitete Praxis, Kindern die Nahrung vorzukauen und sie ihnen mit dem Mund zu verabreichen, die Entwicklung des Küssens angestoßen hat. Küssen sei mithin eine Art „ritualisierter Fütterung“. Die Kulturhistorikerin Ingelore Ebberfeld hingegen stellt eine Verbindung her zur Gewohnheit vieler Tiere, am Genital- und Analbereich ihrer Artgenossen zu schnuppern (fast immer zu beobachten, wenn ein Hund den anderen trifft), während Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, das Küssen auf das Saugen des Babys an der Mutterbrust zurückführte. Die Philematologie (das ist die wissenschaftliche Erforschung des Kusses) ist sich da noch überhaupt nicht einig.

Ich muss gestehen, dass mir das nicht ganz so wichtig ist. Entscheidend ist, wie gut einer küssen kann, und ob mich das anmacht. Deshalb: Genug der Theorie, ich gehe nun zur Praxis über.

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