Dschungel der Großstadt

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Dieser Tage sind es so zwischen 30 und 35 Grad, und nachts ist es auch noch recht schwül. Ich schlafe zwar selbst bei Minusgraden bei offenem Fenster, aber bei diesen tropischen Temperaturen machen das so gut wie alle Nachbarn. Das heißt, man bekommt ziemlich viel davon mit, was nachts so abgeht in fremden Wohnungen.

Balkontür nach vorne hin auf, Schlafzimmerfenster hinten weithin offen: Das ergibt einen sanften Luftzug, wenn ich, am ganzen Körper mit einer leichten Schweißschicht überzogen, nackt im Bett liege. Bei den Geräuschen kann ich leider nicht auf Durchzug schalten. Obwohl ich Ohrstöpsel trage. Es ist eine bizarre Kakophonie der Nacht, die ich da höre. Dschungel der Großstadt im Live-Stream.

Im Innenhof geben etliche Katzen kreischende, oft auch klagende Laute von sich, die ihre Paarungsbereitschaft anzeigen. Oder, dass sie sich den erwählten Partner von der Konkurrenz nicht streitig machen lassen wollen. Es scheinen sich wilde Kämpfe abzuspielen. Oft verwechsle ich diese Geräusche auch mit denen von Babys. Es gibt drei davon im Haus. Wenn sie schreien, sind sie leicht mit rolligen Katzen zu verwechseln.

Schräg gegenüber, im selben Stockwerk, scheint ein Bodybuilder nachts mit Hanteln zu trainieren. Immer wieder knallen die Gewichte auf den Boden. Ich bin noch gut bedient, denn ich wohne immerhin nicht untendrunter. Dass noch kein Mord verübt worden ist, liegt wohl daran, dass die alte Frau, die dort wohnt, schwerhörig ist. Aber wahrscheinlich könnte sie gegen den Bodybuilder ohnehin nichts ausrichten.

Im Nachbarhaus, dessen hintere Fenster leider ebenfalls auf den Innenhof hinausgehen, wohnt ein Typ, den sie regelmäßig in die Geschlossene bringen, wenn es den Nachbarn zu viel wird. Ich habe es einmal selbst gesehen, als zwei Männer in weißen Kitteln ihn in der Zwangsjacke abführten. Zwei Wochen später ist er gewöhnlich wieder da. Er steht am offenen Fenster, tags wie nachts, und schreit unverständliches Zeugs in den Innenhof. Ich nenne ihn „Touretti“, denn er leidet ganz offensichtlich am Tourette-Syndrom, einer neurologisch-psychiatrischen Erkrankung, für die solche Störungen typisch sind.

Nach vorne raus befindet sich ein Seniorenheim. Aus einem bestimmten Fenster kommen manchmal flehende Hilferufe. Ich habe mich erkundigt, das Haus hat einen tadellosen Ruf. Dass dort Leute gegen ihren Willen festgehalten werden, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe früher selbst in der Pflege und als Heimleiterin gearbeitet und dabei allerhand erlebt. Im Alter, besonders, wenn sie dement werden, entwickeln manche Menschen seltsame Anwandlungen. Dann wissen sie nicht mehr, was sie tun.

Im Erdgeschoss eines anderen Hauses im Innenhof wohnt ein Liebhaber deutscher Schlager. Auch ihn überkommt es manchmal mitten in der Nacht. Vorige Woche gab es deshalb Ärger. Verständlich. Wollen Sie morgens um vier Bata Illic, Lena oder Nena hören? Ich möchte die überhaupt nicht hören. Zu keiner Tages- oder Nachtzeit. Irgendjemand konterte mit Led Zeppelin in voller Lautstärke. Whole Lotta Love. Am Ende hat die Polizei den Streit geschlichtet. Auch der Notarzt musste kommen.

Untermalt wird das Ganze von regelmäßigen S-Bahn-Geräuschen sowie dem gelegentlichen Heulen eines Martinshorns. Außerdem glauben mitunter halbwüchsige Moped- und Motorradfahrer, ihrem Gefährt ausgerechnet um drei Uhr morgens die Sporen geben zu müssen. Da kommt Freude auf. Die Straße ist übrigens mit Autos zugeparkt, so dass nur eine Fahrspur bleibt. Immer wieder schön zu beobachten ist es, wenn aus jeder Richtung ein Fahrzeug kommt und kein Fahrer weichen will, denn einer muss zurück. Doch niemand will dieser eine sein. Das geht nicht ohne lautstarke Auseinandersetzungen ab.

Bliebe noch das, worauf Sie die ganze Zeit gewartet haben. Das Paar von gegenüber. Die beiden beweisen eine bewundernswürdige Ausdauer beim Geschlechtsverkehr, und zwar mehrmals in der Nacht. Tatsächlich, jede Nacht. Seit Jahren schon. Das geht vom Stöhnen übers Juchzen bis zum unkontrollierten Schreien, besonders von ihrer Seite aus. Wenn es tiefer gehen soll, tut sie auch das kund. Laut und fordernd. Sie feuert ihn mit lauten Rufen an und er sie. Ich finde das höchst beeindruckend und würde die beiden gern mal sehen, doch ich weiß nicht genau, woher die Geräusche kommen. Im Innenhof bricht sich der Schall gleich mehrmals.

Ich bin ja auch nicht gerade leise, wenn ich komme. Sagt man mir zumindest. Es variiert wohl auch. Da ich das weiß, mache ich das Fenster zu, bevor ich mich der schönsten Sache der Welt widme. Das gebieten, finde ich, der Anstand und die Diskretion. Und so exhibitionistisch bin ich nun auch wieder nicht.

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