Der Feinripp-Mann

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Foto: Pitopia

Wenn ich unterwegs bin, mache ich mir manchmal einen Spaß daraus, mir vorzustellen, was die Männer, denen ich auf der Straße begegne, wohl als Unterhose tragen. Daraus kann man durchaus Rückschlüsse ziehen. Ein Zusammenhang zwischen Sex und Unterhose besteht nicht zwingend, ist aber auch nicht von der Hand zu weisen.

Um einen Mann etwa, der mit einer Fritz-Walter-Gedächtnisbutze herumläuft, würde ich persönlich einen großen Bogen machen. Darunter versteht die Landbevölkerung älteren Semesters eine total ausgebeulte, viel zu große und möglichst noch vergilbte Allzweckhose. Sie ist auch zum Fußballspielen geeignet (daher der Name), wirkt jedoch ausgesprochen unsexy und bringt jede Frau zum Frieren. Eine solche Unterhose erhält von mir null Punkte (von zehn).

Nicht viel besser verhält es sich mit den langen Unterhosen, in denen Cowboys im halbjährlichen Turnus zum Baden in Bottiche steigen, wie man es im Western immer sieht (in fast jedem Western gibt es eine solche Szene). Diese Hosen, Long Johns genannt (nach einem Boxer namens John), waren – zumindest in den Filmen – ursprünglich mal weiß, sind aber inzwischen ganz grau und stehen vor Dreck. Sie werden auch beim Baden nicht ausgezogen. Nun, ein Mann, der sich weigert, seine Unterhose vor mir abzulegen, interessiert mich per se nicht. Ich will immer wissen, was drinsteckt. Und mit prüden Männern kann ich ohnehin nichts anfangen. Ebenfalls null Punkte.

Doch auf solche Exoten wird man heute kaum mehr treffen. Auch Feinripp ist, ebenso wie Doppelripp, längst aus der Mode (auch wenn gelegentlich ein künstlicher Hype darum erzeugt wird). Am schlimmsten ist die Kombination einer eng anliegenden Feinripp-Unterhose mit einem weißen Unterhemd gleicher Machart (natürlich nur mit Trägern, ohne Ärmel). Die Unterhose besitzt einen Eingriff, aber ich kenne keine Frau, die da hineingreifen wollte, und sei es nur mit spitzen Fingern. Ich assoziiere da sofort einen übergewichtigen Mann vorgerückten Alters in Badelatschen, der am Samstag auf der Straße einer Vorstadtsiedlung sein Auto wäscht. Auf dessen Dach steht ein Kofferradio, das die Nachbarschaft mit Schlagern von Jürgen Drews, Gunter Gabriel oder Costa Cordalis beschallt. Ich gebe zwei Punkte auf meiner Skala (aber nur, wenn keine Bremsspuren in der Unterhose vorhanden sind).

Zum Minislip (auch Rio-Slip genannt) sollte man die dafür notwendige durchtrainierte Figur besitzen, sonst wird’s peinlich. Ein gestählter Sixpack ist das Mindeste. Aber vielleicht geht, wer sich auf diese Weise exhibitionieren will, dafür doch besser nach Rio, an den Strand von Copacabana. Die meisten Aspiranten dürften dann allerdings in schwere Depressionen verfallen, da dort viele Männer mit perfekten Modelmaßen herumlaufen (die Frauen sind sowieso unschlagbar). Acht Punkte, wenn die Figur stimmt, ansonsten nur drei.

Der String ist die verschärfte Version des Rio-Slips, gehört aber eher zur Berufskleidung männlicher Table-Dancer, die in Männerbars vor Publikum strippen. Auch bei alkoholträchtigen Junggesellinnnen-Abschieden werden solche Fetzen, die fast nichts verbergen, gern mit schrillen Schreien der Begeisterung goutiert (vor allem, wenn sie abgelegt werden). Wie beim weiblichen Pendant lassen sich gut Geldscheine in den String stecken. Des Amüsierfaktors wegen gebe ich sieben Punkte.

Die Pants sind die mit am meisten verbreitete männliche Unterhose, aber auch entsprechend langweilig. Sie reichen bis an die Oberschenkel, liegen eng an und haben einen Eingriff oder auch nicht. Pants werden von Männern vom Typ „keine Experimente“ getragen, was mich nicht besonders anmacht. Immerhin fünf mittelmäßige Punkte.

Ein bisschen mehr Pep hat der normale Slip, der aussieht wie die Pants, aber nicht ganz so lang ist. Vom Stuhl reißt jedoch auch er mich nicht, daher wohlwollende sechs Punkte.

Ebenfalls großer Beliebtheit in der Männerwelt erfreuen sich die Boxershorts, welche die größte Variationsbreite aller Unterhosen bieten. Hier können sich Designer austoben, in manchen Boxershorts sehen Männer richtig sexy aus. Zwischen Billigshorts und wirklich edlen Teilen liegen jedoch Welten, was Passform, Material und Textur betrifft. Ein Eingriff ist fast immer vorhanden, meistens ist er mit Knöpfen versehen, was es ein wenig umständlich macht, ins volle Leben reinzugreifen. Auch schlanken, großgewachsenen Frauen stehen Boxershorts übrigens hervorragend. Es ist schwer, hier eine Wertung zu vergeben. Die Bandbreite reicht von bescheidenen vier bis zu traumhaften zehn Punkten.

Der Body (ja, er heißt tatsächlich so) ist eine Kombination von Unterhemd und Pants in einem Stück und muss aufwendig geknöpft werden. Man kann ihm auf alten Fotografien sowie in Stummfilmen vom Anfang des vorigen Jahrhunderts begegnen. Einige Designer haben die altmodische Form wiederentdeckt und aufgepeppt, doch ohne großen Erfolg. Ich finde den Body äußerst unpraktisch, da er jede Spontaneität beim Sex verhindert. Mehr als jede andere Unterhose verdient er den Ausdruck „Liebestöter“. Ich gebe daher nur einen mageren Punkt.

Bleiben noch die wahren Exoten. Unterhosen aus Leder mit innenliegenden Stacheln werden nur von Masochisten und Ordensbrüdern der strengen Observanz getragen und entziehen sich meinem Bewertungssystem. Männer, die Damenunterwäsche tragen, ebenfalls.

Und es gibt Männer (ebenso wie Frauen), die keine Unterhose tragen. Das kann erotisierend sein, muss es aber nicht. Oft sind es, meiner Erfahrung nach, Macho-Männer, die vorzugsweise Lederhosen tragen. Vielleicht brauchen sie das für ihr Ego. Am Schritt dieser Hosen riechen möchte ich aber nicht. Da hier ausschließlich Unterhosen bewertet werden, gibt’s auch hier keine Punktzahl.

Doch egal, für welche Art von Unterhose ein Mann sich entscheidet – er sollte beachten, was im Rhein-Main-Gebiet so ausgedrückt wird: „Die Unnerhos, wo sitze muss!“

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