Schlange und Kaninchen

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In amerikanischen Restaurants sieht man häufig Paare, die sich anstarren wir Schlange und Kaninchen. Manchmal auch wie zwei Kaninchen. Auf jeden Fall angsterfüllt und voller Schreck vor dem, was kommen mag. Sie tun dies nicht, weil sie vielleicht ihr Portemonnaie vergessen haben und fürchten, ihre Mahlzeit als Geschirrspüler abarbeiten zu müssen. Nein, diese Paare haben gerade ihr drittes Date. Danach, so will es die Konvention, geht man zusammen ins Bett. Und das macht Angst.

Angst, den Erwartungen nicht zu genügen, Angst, dass vielleicht etwas geschieht, was man nicht unbedingt möchte, Angst vor Sex überhaupt. Denn die amerikanische Dating-Kultur gehorcht strengen Regeln: Wann geküsst und wann gefummelt werden darf, wer für die Drinks bezahlt (der Mann natürlich!), und worauf das am Ende alles hinausläuft: auf die Familie, selbstverständlich, auf die traute monogame Zweisamkeit über Jahrzehnte hinweg. Was, in den meisten Fällen, ohnehin eine Chimäre ist.

Warum ich das so ausführlich schildere? Weil ein wie immer gearteter Zwang dem Sex nicht gut tut, dann wird er zur manisch-mechanischen Verrichtung, obwohl doch eigentlich Lockerheit und Lust, Spontaneität und Fantasie ihm wesentlich zu eigen sind (das ist zumindest meine Vorstellung).

Ein Regelkorsett, darauf will ich hinaus, ist der Tod einer jeden lustvollen Betätigung (den Bereich des BDSM, der zu weiten Teilen nach vorher festgelegten Regeln funktioniert, will ich hier mal ausschließen, das ist ein Sonderfall). Auch Dating macht, so meine ich, nur Spaß, wenn es frei von solchen Vorgaben ist. Vielleicht geht man gleich ins Bett mit jemanden, vielleicht auch gar nicht. Gerade diese Offenheit und Ungewissheit macht den Reiz ja aus.

Allerdings erfordert dies so etwas wie Autonomie, Selbstbewusstsein und sexuelle Selbstbestimmung. Und die Fähigkeit, auch mal „nein“ sagen zu können. Was für Männer wie für Frauen gilt.

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