Dirndl und Lederhose

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Foto: Bigstock

Ich trage kein Dirndl, daher erübrigt sich auch die Frage, ob ich ein solches ausfüllen könnte. Genau daran hat sich ja die Sexismus-Debatte entzündet, die seit einiger Zeit in den Medien geführt wird: Da macht ein prominenter, deutlich angeschickerter Politiker älteren Semesters spätabends an der Hotelbar eine junge Journalistin auf plumpe Weise an und bezieht nun öffentlich Prügel dafür.

Zu Recht. Ich fände es auch ziemlich geschmacklos, wenn ein Mann auf diese Weise auf mich zukäme. Komplimente hören sich anders an. Der Unterschied zwischen Flirt und sexueller Belästigung sollte doch jedem einigermaßen klar denkendem Menschen bewusst sein: Das eine ist einvernehmlich, das andere nicht.

Andererseits muss ja irgendwie damit begonnen werden, sich einander anzunähern. Der Mann (oder die Frau, je nachdem, wer die Initiative übernimmt) muss sich zwangsläufig aus der Deckung wagen: Ein Blick, ein Satz, eine Geste kann dies sein, womit Interesse bekundet wird. Danach sollte eine Antwort kommen, ein Zeichen, dass dieser Vorstoß nicht als unangenehm empfunden wird, sondern eventuell auf Gegenliebe stößt. Dies sind die Spielregeln des Flirts, sie waren es immer schon. Das ist prickelnd, erotisierend im besten Fall, und es sollte auf phantasievolle, raffinierte Weise geschehen. Dann macht es auch Spaß.

Kein Vertun: Ich bin entschieden gegen jede Form des Sexismus. Der speist sich vor allem aus der Ausübung von Macht. Wir haben großen Nachholbedarf, solche Verhaltensweisen, wie sie im Alltag noch leider oft die Regel sind, abzubauen und der allgemeinen Ächtung zuzuführen.

Im Zuge der Debatte jedoch wird mancherorts deutlich übers Ziel hinausgeschossen. Blaubestrumpfte Feministinnen und ihre männlichen Gender-Adlaten äußern sich lautstark und verbissen. Wenn jede erotische Anspielung generell als sexuelle Belästigung diskriminiert wird, fühle ich ein starkes Unbehagen. Beziehungen sind nicht immer politisch korrekt und geschlechtsneutral. Sie leben von der Differenz, von der subtilen Anspielung, von der Mehrdeutigkeit, die ihnen innewohnt. Die möchte ich nicht missen.

Im übrigen wäre die passende Replik auf die Dirndl-Frage die Gegenfrage gewesen, ob besagter Politiker denn in der Lage wäre, eine Lederhose auszufüllen. Ich vermute mal: Den Mumm, darauf zu antworten, hätte er gewiss nicht gehabt.

 

 

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