Die Nikoläusin

30_Nikoläusin_6.12.12

Jedes Jahr vor Weihnachten schreiben Millionen von Kindern Briefe an Santa Claus, Adresse: Nordpol, in denen sie ihre Wünsche äußern. Auch ich bekomme solche Briefe, säckeweise. Schon im Oktober geht es los, der Postbote kommt kaum nach. In ihnen schildern mir Männer detailliert ihre mehr oder weniger schlimmen Untaten, in der Hoffnung, dass ich sie bestrafe.

Denn am 6. Dezember, am Nikolaustag, verkleide ich mich ganz traditionell als Nikoläusin und gehe in den SM-Club drei Straßen weiter. Wenn Schnee liegt, was nur selten vorkommt, nehme ich einen Schlitten, der von sechs kräftigen Burschen aus dem nahen Fitnessstudio gezogen wird, Rentiere gibt es leider keine in Berlin. „Quasimodo“, ein vom Club ausgeliehener, hinkender Freizeitsklave ganz in Gummi, also vom Typ „Bettwurst“, begleitet mich als Knecht Ruprecht. Er hat den Sack und ich die Rute.

Im Club werden wir schon erwartet. Alle harren der Bescherung. Da es stets zu viele Bewerber gibt, greife ich allerdings meist blind in den Wäschekorb mit den Briefen und spiele Glücksfee. Dazu ein Glas Champagner, das bringt mich in Stimmung.

Die Ruten müssen frisch geschnitten sein, am besten bei Vollmond, nur dann entfalten sie ihr wahres Potential und lassen jenes charakteristische scharfe Zischen und Pfeifen hören, das ich ihnen zu entlocken imstande bin. Wenn ich besonders fies drauf bin, mische ich ein paar Brennnesseln unter, das verstärkt die Wirkung und entlockt den Probanden spitze Schreie, sofern sie nicht geknebelt sind.

Dies alles ist ein sehr schönes vorweihnachtliches Ritual, das inzwischen einen festen Kreis von Kennern und Liebhabern gefunden hat. Sie bedauern alle, dass es nur einmal im Jahr, an Nikolaus, stattfindet. Ich finde jedoch, es verlöre seine Exklusivität und Einzigartigkeit, wenn es öfter abgehalten würde.

Hinterher geht die Nikoläusin nach Hause und entspannt sich dort, indem sie sich ein heißes Bad einlässt, Duftkerzen entzündet und leise klassische Musik anstellt. Sie macht einen guten Rotwein auf, dimmt das Licht, steigt in die Badewanne und träumt von Kuschelsex.

 

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