Die Orgasmusfalle

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Über wenige Dinge beim Sex wird soviel geredet wie über den Orgasmus. Ich halte das für überflüssig. Ich hab’ lieber einen, und gut ist. Täglich. Ich brauche ihn für mein Wohlbefinden. Er ist ein ekstatisches, ja spirituelles Erlebnis. Für die meisten Menschen ist er der Höhepunkt ihres Sex Life.

Dennoch ist er ein merkwürdiges Phänomen: Früher in der medizinischen Literatur als „hysterischer Krampf“ beschrieben, poetisch auch als „kleiner Tod“ bezeichnet, war er mit wissenschaftlichen Kategorien nie so recht zu fassen. Warum gibt es ihn überhaupt? Schließlich ist er das Herzstück der sexuellen Lust, ihr magisches Zentrum. Um Kinder zu zeugen, ist er mitnichten notwendig.

Ungeachtet der religiösen Doktrin, dass Sex allein dazu dient, sich fortzupflanzen – was immer auch ein Instrument von Herrschaft und Kontrolle war –, hatten die Menschen denn auch schon immer Sex überwiegend aus purer Lust heraus. Ihr hauptsächlicher Antrieb war und ist, einen Orgasmus zu bekommen. Dafür werden weder Anstrengungen noch Risiken gescheut, manche Menschen bringen sich sogar in Lebensgefahr deshalb. Der schönste Tod, so heißt es, ist jener, der einen genau dann ereilt, wenn man einen Orgasmus hat. Das ist gar nicht so selten.

Es sind nur wenige Augenblicke neurologischer Entspannung, nüchtern ausgedrückt, die man so erlebt. Ein Orgasmus bringt ungemein tiefe und intensive Gefühle hervor, er ist einer der seltenen Augenblicke im Leben, in denen auch der rationalste, scheinbar emotionsloseste Mensch völlig die Kontrolle über sich verliert. Ein Orgasmus befriedigt und verwirrt zugleich. Kaum jemand, der dies hinterher in Worte fassen kann.

Und trotzdem wird ein Orgasmus viel öfter vorgetäuscht, als man denkt, von Frauen in der Regel (eine Erektion kann ein Mann unmöglich simulieren). Meist passiert dies um des lieben Friedens willen, weil doch ein Orgasmus von beiden Beteiligten (von Orgien wollen wir hier nicht reden) oft als Ausweis einer erfolgreichen sexuellen Betätigung gilt. Berühmt ist jene Szene aus dem Film „Harry & Sally“, in der Meg Ryan in aller Öffentlichkeit, in einem Restaurant, täuschend echt einen Orgasmus markiert.

Doch dieser Schuss kann auch nach hinten losgehen. Denn der Frust, in Wahrheit doch keinen Orgasmus gehabt zu haben (was man auch noch für sich behalten muss), bleibt ja bestehen. Staut sich dieses Gefühl über Jahre und Jahrzehnte auf, läuft es fast immer darauf hinaus, dass ein Paar sich trennt. Die Orgasmusfalle schnappt zu.

Doch das muss nicht sein. Manchmal reicht es schon, einfach den Mund aufzumachen und über dieses Thema offen zu reden. „Du bist zu schnell gekommen, ich hatte keinen Orgasmus.“ So etwas zu sagen, erfordert Mut, doch es hilft in vielen Fällen. Beim nächsten Mal ist vielleicht schon manches anders. Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede. Heute macht mir niemand mehr im Bett was vor.

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