Als Model auf dem Laufsteg

Laufsteg

Ich bin zeigefreudig. Nein, nicht so, wie Sie jetzt denken. Ich schlüpfe gern in fremde Rollen und finde heraus, wie ich dann auf fremde Menschen wirke. Auch, was diese Verwandlung mit mir selbst anstellt. Wie sich meine Wahrnehmung verändert. Wie weit gleiche ich mich meiner Rolle, dem Bild, das ich abgebe, automatisch an? Vielleicht sogar, ohne es zu wollen oder, mehr noch, zu merken? Verschwinde ich, verschwindet meine Person hinter dem Bild, gewinnt es die Oberhand über mich? Vor einiger Zeit hatte ich mal überlegt, in einer Burka durch Neukölln zu spazieren, doch das war mir denn doch zu heikel.

Aber als Model über den Laufsteg zu marschieren, das habe ich schon öfter gemacht. Und ich habe Spaß daran. Eine gewisse Portion Exhibitionismus gehört dazu, das will ich gerne zugestehen. Ich gehe zwanzig Schritte streng und gemessen geradeaus, lächle leicht, blicke ins Nirgendwo. Die starken Scheinwerfer blenden mich, laute rhythmische Musik beflügelt meinen Schritt. Und fünfhundert Leute starren mich an.

Ich bin der Mittelpunkt, vielleicht der Zielpunkt der Begierden auch. Oder sind es die Kleider, die ich trage und die hier zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgeführt werden? Ich denke, beides bedingt einander, das eine kommt ohne das andere nicht aus. Ich bin das Medium, ohne das die Kleider nicht wirken könnten, sie kommen erst durch mich zur Geltung, zu ihrer eingeschriebenen Bestimmung. Aber wie wäre es, wenn ich keine Kleider anhätte?

Ich bin verletzlich und unnahbar zugleich. Unantastbar, doch allseits verfügbar in Gedanken für jeden in diesen zwei Minuten, die ich über die Bühne laufe. Eine Phantasie nur. Ob die auch andere Models haben? Ich ziehe Stärke aus der Verletzlichkeit. Egal, was die unsichtbaren Fünfhundert im abgedunkelten Raum wohl denken mögen: Weniger als zwei Schritte kommt keiner an mich heran. Ich bin tabu. Und erhöht. Auf dem Laufsteg überrage ich alle.

Zwanzig Meter. Ich drehe mich um die eigene Achse, gehe rasch, aber nicht schnell zurück. Verlangsame etwas. Ich genieße es, Subjekt und Objekt zugleich zu sein. Meine Macht erwächst aus der Distanz zur amorphen, anonymen Masse. Ich höre Applaus, er schwillt an, übertönt fast die Musik. Wem gilt er? Dem Designer, der die Kleider entworfen hat? Mir? Ich verschwinde hinter dem Vorhang. Das nächste Model geht dicht an mir vorbei. Unsere Blicke begegnen sich nicht.

» zurück zu: Der sexte Sinn