Ich, Es und Du

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Jüngst war ich in einem sehr ansehbaren Film, „Wie beim ersten Mal“, der auf ebenso unterhaltsame wie kluge Weise das Dilemma vieler alternder Paare behandelt: dass die sexuelle Lust so nach und nach verschwindet. Meryl Streep und Tommy Lee Jones spielen ein Paar in fortgeschrittenem Alter, das es sich kommod eingerichtet hat in einem Leben, aus dem die Leidenschaft und das sexuelle Begehren sich schon lange auf leisen Sohlen fortgeschlichen haben. Die Frau will das ändern, der Mann ist bockig, irgendwann – auch mit der Hilfe eines Paartherapeuten – hat sie ihn dann so weit, dass er vor flackerndem Kaminfeuer über sie herfallen will. Doch das ist ihr nun auch wieder nicht recht: Sie will kein Sexobjekt sein, sondern um ihrer selbst willen geliebt und gevögelt werden – gleichzeitig.

Ein Satz aus ihrem Mund ist mir dabei besonders in Erinnerung geblieben: „Du willst nur es, du willst nicht mich“, sagt sie voller Empörung. Das hat einiges in mir ausgelöst.

Das Es – das zusammen mit dem Ich und dem Über-Ich die Psyche eines jeden Menschen bildet – verkörpert laut Siegmund Freud ja den unbewussten, animalischen und triebhaften Teil des Individuums, wozu auch die Sexualität gehört. In Schach gehalten wird das Es, das stets auf sofortige Bedürfnisbefriedigung aus ist, durch das Über-Ich, eine Art strafende Gewissensinstanz, während das Ich beide Pole in einem möglichst stabilen Gleichgewicht zu halten sucht. Dadurch erst ist die Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit, die sich ihrer selbst bewusst ist, überhaupt möglich – ich habe mich da schlau gemacht, wie das Foto oben beweist.

Man muss jedoch nicht gleich Freuds „Das Ich und das Es“, den abendländischen Leib-Seele-Dualismus und Hegels „Phänomenologie des Geistes“ bemühen, um zu verstehen, worum es in dem Film geht. Die Sache ist ganz einfach: Sex ist nur möglich, wenn auch Liebe im Spiel ist, wird behauptet. Diese Auffassung ist tief in unserer westlichen Gesellschaft verwurzelt. Schon sprachlich wird beides ja in dem Ausdruck „Liebe machen“ zwangsvereinigt.

Nun, hier scheiden sich die Geister. Ich bin nämlich ganz und gar nicht der Ansicht, dass Sex und Liebe immer und überall zusammengehören. Wenn es so ist – wunderbar, doch gegen einen leidenschaftlichen, orgasmusgesättigten One-Night-Stand ist auch nichts einzuwenden, finde ich.

So geht die Gleichung immer auf, egal, wie man zusammenzählt. Am Ende kommt immer Sex dabei heraus.

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