Sex in der Kirche

6.8.12_Sex_Kirche

Gestern, so las ich im Internet, hielt ein evangelischer Pfarrer in einem Mainzer Vorort einen „erotischen Gottesdienst“. Nein, er predigte nicht nackt und die Gemeinde sang auch keine obszönen Lieder. Er erzählte lediglich, dass „Erotik und Lust keine vom Glauben abgetrennten Sperrbezirke“ (??, seltsame Wortwahl) seien, dass erotische Betätigung „Lust auf Mehr“ hervorriefe (woher weiß der Mann das nur?) und beim Sex „Erfahrungen von Leib und Seele“ gleichermaßen zu machen seien. Er bezeichnete bestimmte Körperstellen als „Landeplätze der Lust“ (ist er vielleicht Hobbypilot?) und sagte, quasi als Höhepunkt: „Wir sind vor Gott Liebende, Streichelnde und lustvoll Schreiende.“

Das ist vielleicht ein bisschen schwülstig ausgedrückt, aber im Prinzip hat der Pfarrer recht. Ich predige – auf meine Art – auch nichts anderes. Dass solche Erkenntnisse – die auch noch offen ausgesprochen werden – für strenggläubige Christen eine kleine Sensation, für nicht wenige gewiss auch eine Provokation darstellen, liegt natürlich daran, dass die Kirche, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade für ihre Sexfreundlichkeit bekannt ist (von katholischen Priestern, die auf minderjährige Knaben stehen, einmal abgesehen).

Es ist hier nicht der Platz, die sexuelle Skandalgeschichte des Christentums aufzurollen (da hätte ich viel zu tun), aber ich will doch festhalten, dass ich es gut finde, was der Pfarrer sagte. Es ist ein Fortschritt, auch wenn es bei solchen Aktionen im Grunde nur darum geht, Aufmerksamkeit zu erregen und neue Kundenkreise für die Kirche zu gewinnen: Sex sells, immer wieder. Bei diesem Gottesdienst waren jedenfalls, wie man hört und liest, fast so viele Journalisten und Kamerateams wie Gläubige anwesend. Doch immerhin: Ein großer Schritt für die Kirche und ein kleiner für die Menschheit…

Die ist nämlich schon viel weiter, sie war es im Grunde schon vor Tausenden von Jahren. Sex und Religion gehörten – nicht immer, aber ziemlich oft – untrennbar zusammen. Dies ist ein ungeheuer weites und spannendes Feld, viele kluge Bücher wurden darüber geschrieben. Es ist wirklich lohnenswert und höchst faszinierend, sich in die vielfältigen orgiastischen Mysterienkulte, die ausschweifenden Exerzitien und sexuellen Riten anderer Völker zu vertiefen. Danach, im Vergleich, wird man unsere scheinbar so freie und hemmungslose moderne Gesellschaft als ziemlich verklemmt und prüde ansehen. Es gab tatsächlich einmal Zeiten und Kulturen, in denen niemand einen Sex-Coach brauchte…

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