Das Keuschheitsgebot

Purity-Ring

In den USA gewinnt zur Zeit eine Bewegung an Boden, die ich mit – gelinde gesagt – außerordentlicher Skepsis betrachte: Jugendliche versprechen, dem bösen, verderblichen Sex vollständig zu entsagen und bis zur Ehe keusch zu bleiben. Sie tun dies kund, indem sie einen so genannten „Purity Ring“ (auf deutsch Reinheits- oder Enthaltsamkeitsring) tragen, auf dem zum Beispiel die Worte „Love waits“ oder „Purity“ eingraviert sind. Er ist das Symbol ihrer Überzeugung.

Nun ist ja nichts dagegen zu sagen, dass jemand keinen Sex hat – jedem wie’s beliebt. Aber hier hängt mehr dran. Großstädte wie Boston, New York, Los Angeles oder San Francisco sind ja im Grunde libertäre Enklaven, die in keiner Weise typisch sind für das ungeheuer weite Land zwischen Ost- und Westküste. Dieses ist zwar landschaftlich meist grandios, aber auch die Heimat eines oft extrem konservativen, um nicht zu sagen reaktionären Menschenschlags, der moralische Positionen vertritt, die tendenziell dem vorletzten Jahrhundert zuzurechnen sind. Kirche und Religion spielen dort eine weitaus größere Rolle als bei uns. Die „Tea Party“-Bewegung schöpft aus diesem Reservoir.

Ins Leben gerufen wurde die Keuschheitsbewegung von den Baptisten Mitte der 1980er Jahre in Arizona, um dem „moralischen Verfall“ der Jugend (gab’s den jemals?) Einhalt zu gebieten. Andere christliche Kirchen – von denen es in den USA eine enorme Vielzahl gibt – schlossen sich begeistert der Initiative an. Die behauptete, dass nicht Verhütung vor Schwangerschaft schützt, sondern ausschließlich rigide Abstinenz. Auch die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten und AIDS glaubte man durch das Keuschheitsgebot eindämmen zu können. Im Grunde aber ging es einzig und allein darum, dass Jugendliche keinen Sex miteinander haben sollten, da dies den religiösen und gesellschaftlichen Normen widersprach.

Inzwischen kann man die Reinheitsringe in den USA in jedem Supermarkt kaufen ($ 19,99). Jugendliche geloben öffentlich, keinen Sex vor der Ehe zu praktizieren. Im Gegenzug dürfen sie einen Keuschheitsring tragen, den sie auch noch selber kaufen müssen. Bei der Hochzeit überreichen sie ihn dem Ehepartner als Geschenk und Symbol der eigenen Reinheit. Auch Popstars wie Britney Spears und Justin Bieber sprangen auf den Zug auf (haben sich aber mittlerweile wieder davon verabschiedet). So weit, so gut.

Die Sache ist nur die: In den seltensten Fällen halten die Jugendlichen ihr Versprechen. Wie könnten sie auch? Laut einer wissenschaftlichen Studie blieben nur 12 Prozent tatsächlich bis zur Ehe enthaltsam. Doch verhüten tun sie auch nicht – Verhütung wird von der Keuschheitskampagne verurteilt. Die fatalen Folgen dieser Alles-oder-Nichts-Strategie kann man sich ausmalen. Das macht die ganze Sache so bigott, heuchlerisch und verlogen. Der Schuss geht nach hinten los.

Mich regt so etwas wahnsinnig auf. Ich bin weit davon entfernt, meine freigeistige Lebensauffassung anderen aufs Auge drücken zu wollen. Aber man soll doch, bitteschön, etwas zutiefst Menschliches wie den Sex in keine Zwangsjacke pressen. Das funktioniert nicht. Niemals.

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