Narziss im Netz

Herzen

Am 24. Juli ist Virtual Love Day, der Tag der virtuellen Liebe. Das ist, finde ich, erklärungsbedürftig, denn was ist „virtuelle Liebe“ überhaupt? Offiziell ist dieses Datum eine Art Valentinstag für Paare, die sich übers Internet kennengelernt haben. Der Tag wurde 2001 ins Leben gerufen durch online-Partnerbörsen, die natürlich ein kommerzielles Interesse besitzen an der möglichst breiten Nutzung ihres Angebots. Was der Muttertag für die Blumenbranche, ist der Virtual Love Day fürs Internet-Business.

Aber ist virtuelle, also vorgestellte, nur gedachte und nicht ausgelebte Liebe nicht immer häufiger für immer mehr Menschen ein Ersatz fürs wahre Leben? Wohlgemerkt, ich habe nichts dagegen, dass erste Anbandelungsversuche übers Internet stattfinden, im Gegenteil. Im Prinzip ist das eine tolle Sache. Die Anonymität dort macht es vielen an sich schüchternen Menschen leichter, Kontakt zu Fremden aufzunehmen, viel leichter, als sie es in der Öffentlichkeit hätten, wo in der Regel gar nichts passiert und es von verpassten Gelegenheiten nur so wimmelt.

Aber oft bleibt es dabei. Sobald es ernst wird, also der Telefonkontakt, geschweige denn ein Treffen von Angesicht zu Angesicht in eine Nähe rückt, die vor allem als bedrohlich empfunden wird, kneifen viele, sie bekommen Angst vor der eigenen Courage. Sie verschieben die Gelegenheit, realen Kontakt aufzunehmen, so lange, bis der Chatpartner nicht mehr mag. Und fangen dann von vorne an, mit jemand anderem. Das Spiel wiederholt sich, immer wieder. Es ist ein Leben in der Warteschleife.

Mir erscheint ein solches Verhalten, von dem mir übrigens recht häufig berichtet wird, als symptomatisch für eine Vereinzelung, die vom Internet – das ja generell eine höchst kommunikative Sache ist – auch befördert wird. Es ist die andere, dunkle Seite der Medaille. Man sitzt vor dem Bildschirm und hat im Prinzip mit der ganzen Welt Kontakt, aber eben nur auf virtuelle Weise. Je intensiver man sich auf sie einlässt, desto mehr verliert man die Verbindung zur realen Welt, zu Menschen aus Fleisch und Blut – ob man nun einen festen Partner oder ein sexuelles Abenteuer sucht.

Der erste virtuelle Liebhaber war Narziss, der sich, an einem Fluss sitzend, so sehr in sein eigenes Spiegelbild verliebte, dass er zu menschlichen Kontakten unfähig war. Alle Avancen wies er arrogant zurück. Als er sich schließlich mit sich selbst vereinigen wollte, fiel er ins Wasser und ertrank.

Ich empfinde diese Geschichte aus der griechischen Mythologie als sehr aktuell. Heute wäre Narziss vermutlich ein Internet-Junkie, der gefangen ist in seiner virtuellen Welt. Ich kann nur raten: Leute, benutzt das Internet, knüpft Kontakte. Aber geht dann raus, dorthin, wo sich das wahre Leben abspielt. Und genießt es mit allen Sinnen!

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