Und wenn wir alle zusammenziehen?

Film_Alten_WG

Wenn ich ins Kino gehe, fällt mir auf: Es gibt in den letzten Jahren immer mehr Filme, die sich mit dem Alter beschäftigen, und das auf eine Weise, wo man gerne zuschaut und sich auch als erwachsener Mensch gut unterhalten und ernst genommen fühlt. Klar, die meisten Filme werden nach wie vor für die große Zielgruppe der unter 20jährigen gemacht, aber die über 40-, 50jährigen Kinogänger, von den noch Älteren gar nicht zu reden, eint ja ein beherrschendes Generalthema, mit dem sie sich zwangsläufig auseinander setzen müssen: dem Älterwerden mit all seinen meist unerfreulichen Begleiterscheinungen. Das kann durchaus ein attraktiver Kinostoff sein, denn es ist eines der großen Menschheitsthemen.

Nun kann man eine Klamotte daraus machen (ältere Menschen dienen im Film oft als komischer Sidekick), aber auch einen so emotional berührenden Film wie „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stéphane Robelin. Das ist eine typisch französische Komödie mit Tiefgang und großer Besetzung: Pierre Richard (er war mal, in den 70er Jahren, „Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh“), Jane Fonda und Geraldine Chaplin spielen mit, ebenso die vor allem in Frankreich bekannten Altstars Guy Bedos und Claude Rich, und da auch deutsches Produktionsgeld in dem Film steckt, hat auch Daniel Brühl eine (eigentlich überflüssige) Nebenrolle. Die fünf Alten gründen eine Rentner-WG in einem schönen Haus mit Garten, weil sie auch im Alter ein selbst bestimmtes Leben führen wollen, und das ist ein Thema, mit dem irgendwann ohne Ausnahme jeder konfrontiert ist – ich muss gestehen, ich denke auch nicht gern daran, aber, je älter ich werde, immer öfter. Na ja, es hat ja hoffentlich noch ein bisschen Zeit, bis ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen muss…

So gut wie alle Probleme, die mit dem Alter einhergehen, finden ihren Platz im Film, der durchweg einen sanften, melancholischen Humor besitzt: körperliche Gebrechen bis hin zur Krebserkrankung, die oft ganz banale Schwierigkeit, den Alltag zu bewältigen, und auch die (zum Glück!) immer noch vorhandene sexuelle Lust, bei deren Erfüllung erfolgreich mit Viagra nachgeholfen wird. Wohl am eindrücklichsten bleibt Pierre Richard in Erinnerung, der wunderbar nuanciert und bewegend darstellt, wie die Demenz nach und nach von ihm Besitz ergreift, ohne dass er etwas dagegen tun kann. Dass er darin von den anderen in der WG aufgefangen wird, steht in deutlichem Gegensatz zu der bitteren Realität in vielen Seniorenheimen, die ich aus meiner langjährigen Tätigkeit als Pflegedienstleiterin nur allzu gut kenne.

So besitzt „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ auch ein utopisches Moment, das umso nachdenklicher macht, als die Realität für die allermeisten Älteren nun einmal eine andere ist. Klar, in dieser WG würde wohl jeder gern alt werden wollen (ich auch!), aber das ist nun einmal Kino. „Im Kino gewesen. Geweint.“, schrieb Franz Kafka in einer berühmten Sentenz, mit der er die Essenz des Kinos genial zusammenfasst. Ich bin sicher: „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ hätte ihm gefallen.

» zurück zu: Der sexte Sinn