Die sieben Rotkäppchen

Hugs for free

„Umarme nie einen Fremden“, hat mir meine Mutter immer gesagt, „es könnte böse enden.“ Daran habe ich mich stets gehalten. Bis ich einen Mann an mich rangelassen habe, musste er allerhand Kopfstände machen. Damit bin ich mein Leben lang gut gefahren.

Vor ein paar Tagen jedoch bin ich meinem Prinzip untreu geworden, mehrfach sogar. Ich hatte Unterstützerinnen, sechs gute Bekannte von mir. Alles Frauen. Gemeinsam sind wir auf den Potsdamer Platz in Berlin gegangen, wir trugen rote Jacken, damit man uns besser erkennt, und eine von uns hielt ein Schild in die Höhe, auf dem „Free Hugs“ geschrieben stand. Mit offenen Armen gingen wir auf wildfremde Leute zu, lächelten sie an, und wenn sie einverstanden waren, umarmten wir sie. Das war’s auch schon. Nichts weiter.

Aber der Effekt war durchschlagend. Normalerweise laufen die Leute in Deutschland ja ziemlich miesepetrig durch die Gegend. Touristen erkennt man oft schon am neugierigen Gesichtsausdruck, in Berlin jedenfalls, aber der Berliner an sich ist ja ohnehin ein schwieriger Fall.

Free Hugs Schild

Hier war das anders. Die Menschen begannen überrascht zu strahlen, wenn wir sie umarmten, ein Leuchten trat in ihre Augen, es war, als ob ein Panzer aufbräche. Körperlichen Kontakt, ohne dass einer was vom anderen will, das kennen die Leute hierzulande nicht. Das Leichte und Spielerische, die damit verbundene Ironie und Spontaneität sind ihre Sache nur selten. Immer steckt ein Ziel und Zweck dahinter, was man macht. Aber irgendwer muss ja mal damit anfangen, das zu ändern, dachten wir uns. Es war eine Stimmung wie auf einem Kindergeburtstag.

Gewiss: Manche Leute machten misstrauisch einen großen Bogen um uns, andere hielten das Geschehen aus sicherer Entfernung mit ihren Kameras fest (man weiß ja nie…), und einige Männer wehrten ab mit dem Hinweis, sie hätten bereits eine Frau. Andere hingegen wollten gleich zweimal umarmt werden und gingen mit vollem Körpereinsatz ran. Dreimal wurde ich zum Kaffeetrinken eingeladen, aber das lehnte ich freundlich ab.

Später beschlossen wir, die Aktion demnächst zu wiederholen, denn auch wir fühlten uns leicht und fröhlich danach. Achten Sie also auf rote Jacken am Potsdamer Platz.
Ich nehme Sie gern mal in den Arm.

 

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